Heinrich Heine:
deutscher Dichter, geboren 1797 in Dusseldorf, gestorben 1856 in Paris, wo er seit 1831 lebte; einer der Hauptvertreter des Jungen Deutschland. In spatromantischen Gedichten verbindet er Empfindungsreichtum mit Skepsis und Ironie (»Buch der Lieder«, 1827; »Romanzero«, 1851). Sein geistvoller und plaudernder Prosastil (»Reisebilder«, 1826 bis 1831) machte ihn zum Begrunder des modernen Feuilletonismus.Quelle: Brockhaus
Abenddammerung
Heinrich Heine
Am blassen Meeresstrande
Sa? ich gedankenbekummert und einsam.
Die Sonne neigte sich tiefer, und warf
Gluhrote Streifen auf das Wasser,
Und die wei?en, weiten Wellen,
Von der Flut gedrangt,
Schaumten und rauschten naher und naher -
Ein seltsam Gerausch, ein Flustern und Pfeifen,
Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen,
Dazwischen ein wiegendliedheimliches Singen -
Mir war' als hort' ich verschollne Sagen,
Uralte, liebliche Marchen,
Die ich einst, als Knabe,
Von Nachbarskindern vernahm,
Wenn wir am Sommerabend,
Auf den Treppensteinen der Haustur,
Zum stillen Erzahlen niederkauerten,
Mit kleinen, horchenden Herzen
Und neugierklugen Augen; -
Wahrend die gro?en Madchen,
Neben duftenden Blumentopfen,
Gegenuber am Fenster sa?en,
Rosengesichter,
Lachelnd und mondbeglanzt.
Lorelei
Ich wei? nicht, was soll es bedeuten
Heinrich Heine
Ich wei? nicht, was soll es bedeuten
Da? ich so traurig bin;
Ein Marchen aus alten Zeiten
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kuhl und es dunkelt,
Und ruhig flie?t der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schonste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldnes Geschmeide blitzet
Sie kammt ihr goldenes Haar.
Sie kammt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame
Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe
ergreift es mit wildem Weh,
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Hoh.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lorelei getan.